Der Weg in die Sphäre der Toten
LÚA VERMELLA taucht ein ins Galicien des Meeres, umfasst dabei dessen physische wie imaginäre Dimensionen, in denen Wahrheit und Legende miteinander verschmelzen, Meer und Tod in ihrer ganzen mythischen, evokativen Kraft ineinandergreifen. Damit dringt LÚA VERMELLA tiefer in das bereits in meinem vorangegangenen Film COSTA DA MORTE beschriebene Universum vor.
LÚA VERMELLA verbindet die wahre Geschichte von Rubio de Camelle, der mehr als vierzig bei einem Schiffsunglück ums Leben gekommene Menschen aus dem Meer geborgen hat, mit Wesen der fantastischen Welt Galiciens, einem mythischen Universum, das an Werke von Künstlern wie dem Maler Urbano Lugrís oder dem Schriftsteller Álvaro Cunqueiro erinnern. Von Cunqueiro stammt folgender Satz, der großen Einfluss auf diesen Film hatte: „Der Ozean gleicht einem Tier, das zweimal am Tag atmet.“
Im Film bewegen wir uns durch ein Zwischenstadium, einen Bereich zwischen Leben und Tod, zwischen Imagination und Realität. Mir ging es vor allem um dieses Grenzgebiet, das ich von archetypischen Figuren wie der Hexe oder den Mitgliedern der Heiligen Gemeinschaft zurückerlangen wollte, von Gestalten, die zwischen beiden Welten existieren, die mit den Toten kommunizieren oder den Weg in Richtung der Sphäre des Todes weisen.
„Die Toten verlassen diesen Ort nicht, sie bleiben bei uns“, sagten einige, die wir in Vorbereitung dieses Films interviewt haben. Die enge Koexistenz zwischen den Lebenden und den Toten ist ein wesentlicher Aspekt der galicischen Identität, wie Analysen des Anthropologen Lisón Tolosana aus den 1960er-Jahren belegen. Dieses Nebeneinander wurde nicht immer als beängstigend, sondern oftmals als geradezu normal wahrgenommen.
Meiner Meinung nach basiert die Idee des Jenseits auf zwei fundamentalen Bedürfnissen: Zum einen möchte man eine verstorbenen Person in der Nähe wissen (damit sie nicht verschwindet), und zum anderen ist man bestrebt, der Ungewissheit dessen, was nach dem Tod geschieht, eine Form zu geben (damit dort etwas ist). Legenden oder Überzeugungen entstehen, um diese Leere, diese unsicheren Räume, die durch den Tod entstehen, zu füllen. Ausgehend von der Genealogie der Legenden als Narrative, die versuchen, das Unerklärliche zu erklären, haben wir eine Geschichte entwickelt, in der sich zwei mysteriöse Begebenheiten miteinander verbinden: das kosmische Phänomen des roten Mondes und das Verschwinden der Leichname von Schiffsbrüchigen in diesem Meeresfriedhof.
Ein wesentlicher Aspekt, mit dem ich mich auseinandersetzen wollte, war der Prozess des Trauerns, der weder mit dem Verschwinden des Körpers eines Verstorbenen beendet noch durch die Gegenwart eines Phantoms verlängert werden kann. Um den Kreis zu schließen, ist ein Abschied wichtig, ein letzter Austausch mit dem Verstorbenen. In LÚA VERMELLA werden wir Zeugen der Trauerarbeit der Bewohner*innen eines Dorfes, die das Verschwinden eines Dorfansässigen auf hoher See betrauern.
Alle Anwohner*innen des Dorfs sind wie gelähmt, versunken in ihrer jeweils eigenen Welt. Ähnlich den Figuren in Millets Gemälde „L’Angelus“ – einem wichtigen Referenzpunkt des Films – verharren die Dorfbewohner*innen nicht in einer künstlichen Erstarrung; ihre Reglosigkeit ist vielmehr Ausdruck von Andacht, Meditation oder sogar Trauer. Aus dieser nach innen gerichteten Stille heraus haben wir die Sprache des Films entwickelt: eine narrative Form, die es uns erlaubt, das veränderliche Wesen der Zeit zu ergründen und uns dabei von einem natürlichen Verlauf zu einem vorübergehenden, durch Selbstbeobachtung entstandenen Innehalten bzw. der mythischen (zeitlosen) Zeit der Legenden zu bewegen. (Lois Patiño)